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Männer sind anders. Frauen auch. Ein Unterschied, der im Alltag wohl jedem bewusst ist, beginnt zusehends auch in der Medizin eine Rolle zu spielen. „Gendermedizin“ heißt die Wissenschaft, die sich dem Thema verschrieben hat. Aber: Brauchen Männer und Frauen tatsächlich verschiedene Schnupfenmittel? Die Gesunde Stadt hat nachgefragt. [erschienen in Gesunde Stadt / Herbst 2009]

„Nein“, lacht Dr. Hediye Güner, „Ich habe vor fünf Jahren hier im Kaiser Franz Josef Spital angefangen – und ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass wir unterschiedliche Erkältungsmittel verschreiben. Gerade bei asthma-bronchialen Erkrankungen ist es durchaus sinnvoll und üblich, die gleichen Medikamente zu geben, unabhängig davon, ob der Patient männlich oder weiblich ist.“ Was aber mehr und mehr in die ärztliche Betreuung einfließt, ist die Berücksichtung der individuellen Lebenssituation. Das persönliche Umfeld spielt immer eine Rolle. „Wenn ich eine Frau vor mir habe, die drei kleine Kinder zuhause hat, muss ich diese Situation anders mitdenken, als bei einem alleinstehenden Mann.“

Das wirkt sich natürlich auch auf die Arzt-PatientInnen Kommunikation aus. Und Kommunikation – daran besteht kein Zweifel – ist gerade in der Medizin ein Eckpfeiler der Behandlung.

Ist dies also das Geheimnis der „Gendermedizin“? Kommunikation und das Beachten sozialer Faktoren? „Nein, das wäre auch zu kurz gegriffen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Anita Rieder. Sie arbeitet am Wiener Institut für Sozialmedizin und hat sich auf das Thema Gender spezialisiert. Ihre Definition: „Gendermedizin beschäftigt sich einerseits mit den biologischen (und klar beobachtbaren) Unterschieden von Mann und Frau, andererseits mit Unterschieden, die durch die soziale Rolle entstehen. Diese beiden Bereiche werden aber nicht getrennt, sondern als ein Ganzes gesehen.“

Das heißt zum Beispiel, dass akute klinische Versorgung zwar Priorität genießt, darüber hinaus aber auch die psycho-soziale Ebene einfließt. Denn Männer und Frauen bringen hier sehr unterschiedliches „Gepäck“ mit. Die Aufgabe einer integrativen Versorgung wäre z.B. auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten, um es einer Frau zu ermöglichen, die verordnete Bettruhe auch tatsächlich einhalten zu können.

Durch solche sozialen Ansätze geht die Gendermedizin über die – bereits ältere – Trennung in „Frauengesundheit“ und „Männergesundheit“ hinaus. Früher wurde Frauengesundheit fast ausschließlich aus dem Blickwinkel der Reproduktion erforscht. Die Idee, sich über die medizinischen Versorgungsanliegen hinausgehend auch um gesellschaftspolitische Anliegen zu kümmern, hat ihre Wurzeln im Feminismus. Andere Wissenschaftsrichtungen, wie etwa die Soziologie, waren hier lange Zeit der Medizin voraus. Rieder: „Das Thema Gender Studies hat in vielen Bereichen eine Rolle gespielt, lange bevor die Medizin angefangen hat, es zu integrieren.“

Inzwischen wird viel geforscht und Überraschendes gefunden. Als klassisches Beispiel für die Sinnhaftigkeit einer differenzierten Gendermedizin gelten die Herz-Kreislauf-Krankheiten. „Gerade in der Kardiologie zeigen sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau deutlich“, weiß Rieder, „Dabei stehen wir derzeit allerdings vor dem Problem, dass wir zwar die Unterschiede erkennen und beschreiben können, die Ursachen und dahinterliegenden Mechanismen aber noch völlig unklar sind.“

Zum Beispiel: Warum haben Frauen, die Diabetikerinnen sind ein viel größeres Herzinfarktrisiko als Männer in einer vergleichbaren Situation? Warum sind ältere Frauen weitaus öfter von Herzmuskelschwäche betroffen als ältere Männer? Und warum haben sie dennoch meist bessere Prognosen als die Vergleichsgruppe?

„Die beobachtbaren Geschlechtsunterschiede sind jedenfalls ein Hinweis darauf, dass es da noch einen Hintergrund zu untersuchen gibt. Die Forschungsergebnisse können helfen, in der Prävention, in der Diagnostik und in der Therapie bessere Ergebnisse zu erzielen.“

Wichtig ist dabei auch, dass die Suche nicht gleich für beendet erklärt wird, sobald die ersten Ergebnisse vorliegen.

Das zeigt sich etwa am gerne zitierten Beispiel Aspirin. Rieder: „Es langt nicht, zu sagen, gut, wir wissen, Aspirin schützt zwar Männer, nicht aber Frauen vor einem ersten Herzinfarkt. Da muss man schon genau hinsehen und auch merken: Aspirin senkt dafür bei Frauen das Schlaganfallrisiko.“

Es gibt sie also, die eindeutigen geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Wirkung – und es müssen eben alle beobachteten Effekte erforscht werden, nicht nur die augenscheinlichsten.

Der Pferdefuss dabei: Bei bisherigen Studien waren die Versuchsgruppen größtenteils männlich; weibliche Versuchspersonen nur in deutlich geringerer Zahl vertreten. Aussagen, die in Bezug auf Frauen Hand und Fuß haben, lassen sich daher in den meisten Fällen nicht treffen. Hier wäre auf praktisch allen Gebieten der Medizin Handlungsbedarf gegeben, diese Studien noch einmal von vorne aufzurollen – angefangen von der Immunologie über die Osteoporoseforschung bis hin zum Thema Stammzellen.

„Aber das man gar nichts weiß, stimmt nicht“, wirft Rieder ein, „Etwa in der Krebstherapie berücksichtigt man bereits die Unterschiede – vor allem, was die Dosierung der Medikamentation anbelangt.“

Auch hinsichtlich ihrer Ernährung gilt es, die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein zu beachten. Hier spielt – soweit man weiß – das jeweilige Rollenverhalten eine stärkere Rolle als die Biologie: Frauen sind (zumindest ab einem gewissen Alter) übergewichtiger als Männer. Woran das liegt? An den Hormonen einerseits, andererseits aber sicher auch daran, dass sie sich weniger bewegen. Trotz erfolgreicher weiblicher Athletinnen, ist Sport in unserer Gesellschaft nämlich immer noch eher männlich konnotiert. Das ändert sich allmählich. Jeder, der schon einmal die Nase in eine Pilates-Stunde gesteckt hat, weiß, dass Frauen hier die absolute Mehrheit stellen. Allerdings geschehen diese Änderungen nicht so rasch, wie erstrebenswert wäre – und sie erfassen auch nicht alle gesellschaftlichen Schichten. Die Mehrfachbelastung als berufstätige Mutter lässt beispielsweise oft gar keine Zeit für Sport. Wer Stress abbauen will, greift dann eher zum Schokoriegel als zur Hantel: Der Weg zum metabolischen Syndrom (Übergewicht, Diabetes, Herzprobleme) ist vorgezeichnet. Gynäkologin Güner: „Das Klischee, das Frauen mehr Schokolade essen als Männer, ist leider wahr. Und auch der Rest einer halbwegs ausgewogenen Ernährung fällt dem Stress zum Opfer. Ich kenne das ja von mir selber. Ich komme am Nachmittag nach Hause und habe gar keine Zeit, etwas Anständiges zu kochen. Da wird’s dann halt oft die Pizza zwischendurch.“

Darüber hinaus mischt sich das erlernte Rollenverhalten auch noch über die Bande in die weibliche Gesundheitsvorsorge ein: Gegen welche Mauern läuft frau an, wenn sie versucht, gesund zu kochen, während ihr Mann Schnitzel mit Mayonnaise-Salat einfordert?

Zu den wichtigen Aufgaben einer gendersensiblen Medizin zählt daher auch, den Frauen zu vermitteln, dass sie selber Priorität haben, ja, dass ihre Gesundheit ein wertvolles Gut ist! „Nicht nur für andere sorgen – auch für sich selbst“, lautet die Devise.

Tatsächlich nehmen Frauen Rehabilitation viel seltener in Anspruch als Männer. Einerseits, weil viele Frauen nicht berufstätig sind und eine Wiedereingliederung in den Job gar nicht das erklärte Ziel ist. Vor allem aber, weil Versorgungspflichten (Mann, Kinder, evtl. die eigenen Eltern) den Frauen keine Zeit lassen, auf sich selber zu schauen. Der Gedanke „Ohne mich geht es nicht“ hält Frauen davon ab, ambulante und stationäre Einrichtungen in dem Maße aufzusuchen, wie es – etwa nach einem Herzinfarkt – eigentlich nötig wäre.

Und zu allem Überfluss wäre da noch das leidige Thema Rauchen.

Der Prozentsatz der rauchenden Männer ist in den letzten vierzig Jahren deutlich zurück gegangen. Die Kurve bei Frauen hingegen steigt frappierend an. Das wirkt sich auch – deutlich nachweisbar – auf die Lungenkrebsmortalitätsraten des jeweiligen Geschlechtes aus. Insbesondere die Kombination Rauchen und Pille hat katastrophale Auswirkungen. Ab einem Alter von 35 gilt hier: Finger weg!

Rieder: „Rauchen ist der massivste Risikofaktor, den es für die Gesundheit gibt. Und auch der am besten beleg- und nachweisbare.“ Zwar ist die körperliche Nikotinabhängigkeit bei Männern größer, Frauen haben aber eine stärkere psycho-soziale Abhängigkeit, die das Abgewöhnen deutlich schwieriger macht.

Eine Medizin, maßgeschneidert für jedes Geschlecht, „Frauendiät“ vs. „Männerdiät“, „Frauen-Rauchstopp“ vs. „Männerrauchstopp“ – ist das also eine denkbare Lösung für die Zukunft? Bis zu einem gewissen Grad vielleicht tatsächlich. Allerdings warnt auch Gender-Expertin Rieder vor all zu starrem Schubladendenken: „Ein Gesundheitsproblem ist natürlich immer ein sehr individuelles. Wichtig ist – da sind sich alle einig – den Patienten/die Patientin in der ganz speziellen Situation wahrzunehmen, in der er/sie sich befindet und nicht nach Schema F vorzugehen.“

Strikte Behandlungsleitlinien à la „wenn Frau, dann X / wenn Mann, dann Y“ wird es also sicher nie geben. Eine erhöhte Sensibilität aber schon. Zeit wird’s!

DER KLEINE UNTERSCHIED

Männer sind anders. Frauen auch. Ein Unterschied, der im Alltag wohl jedem bewusst ist, beginnt zusehends auch in der Medizin eine Rolle zu spielen. „Gendermedizin“ heißt die Wissenschaft, die sich dem Thema verschrieben hat. Aber: Brauchen Männer und Frauen tatsächlich verschiedene Schnupfenmittel? Die Gesunde Stadt hat nachgefragt.

„Nein“, lacht Dr. Hediye Güner, „Ich habe vor fünf Jahren hier im Kaiser Franz Josef Spital angefangen – und ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass wir unterschiedliche Erkältungsmittel verschreiben. Gerade bei asthma-bronchialen Erkrankungen ist es durchaus sinnvoll und üblich, die gleichen Medikamente zu geben, unabhängig davon, ob der Patient männlich oder weiblich ist.“ Was aber mehr und mehr in die ärztliche Betreuung einfließt, ist die Berücksichtung der individuellen Lebenssituation. Das persönliche Umfeld spielt immer eine Rolle. „Wenn ich eine Frau vor mir habe, die drei kleine Kinder zuhause hat, muss ich diese Situation anders mitdenken, als bei einem alleinstehenden Mann.“

Das wirkt sich natürlich auch auf die Arzt-PatientInnen Kommunikation aus. Und Kommunikation – daran besteht kein Zweifel – ist gerade in der Medizin ein Eckpfeiler der Behandlung.

Ist dies also das Geheimnis der „Gendermedizin“? Kommunikation und das Beachten sozialer Faktoren? „Nein, das wäre auch zu kurz gegriffen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Anita Rieder. Sie arbeitet am Wiener Institut für Sozialmedizin und hat sich auf das Thema Gender spezialisiert. Ihre Definition: „Gendermedizin beschäftigt sich einerseits mit den biologischen (und klar beobachtbaren) Unterschieden von Mann und Frau, andererseits mit Unterschieden, die durch die soziale Rolle entstehen. Diese beiden Bereiche werden aber nicht getrennt, sondern als ein Ganzes gesehen.“

Das heißt zum Beispiel, dass akute klinische Versorgung zwar Priorität genießt, darüber hinaus aber auch die psycho-soziale Ebene einfließt. Denn Männer und Frauen bringen hier sehr unterschiedliches „Gepäck“ mit. Die Aufgabe einer integrativen Versorgung wäre z.B. auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten, um es einer Frau zu ermöglichen, die verordnete Bettruhe auch tatsächlich einhalten zu können.

Durch solche sozialen Ansätze geht die Gendermedizin über die – bereits ältere – Trennung in „Frauengesundheit“ und „Männergesundheit“ hinaus. Früher wurde Frauengesundheit fast ausschließlich aus dem Blickwinkel der Reproduktion erforscht. Die Idee, sich über die medizinischen Versorgungsanliegen hinausgehend auch um gesellschaftspolitische Anliegen zu kümmern, hat ihre Wurzeln im Feminismus. Andere Wissenschaftsrichtungen, wie etwa die Soziologie, waren hier lange Zeit der Medizin voraus. Rieder: „Das Thema Gender Studies hat in vielen Bereichen eine Rolle gespielt, lange bevor die Medizin angefangen hat, es zu integrieren.“

Inzwischen wird viel geforscht und Überraschendes gefunden. Als klassisches Beispiel für die Sinnhaftigkeit einer differenzierten Gendermedizin gelten die Herz-Kreislauf-Krankheiten. „Gerade in der Kardiologie zeigen sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau deutlich“, weiß Rieder, „Dabei stehen wir derzeit allerdings vor dem Problem, dass wir zwar die Unterschiede erkennen und beschreiben können, die Ursachen und dahinterliegenden Mechanismen aber noch völlig unklar sind.“

Zum Beispiel: Warum haben Frauen, die Diabetikerinnen sind ein viel größeres Herzinfarktrisiko als Männer in einer vergleichbaren Situation? Warum sind ältere Frauen weitaus öfter von Herzmuskelschwäche betroffen als ältere Männer? Und warum haben sie dennoch meist bessere Prognosen als die Vergleichsgruppe?

„Die beobachtbaren Geschlechtsunterschiede sind jedenfalls ein Hinweis darauf, dass es da noch einen Hintergrund zu untersuchen gibt. Die Forschungsergebnisse können helfen, in der Prävention, in der Diagnostik und in der Therapie bessere Ergebnisse zu erzielen.“

Wichtig ist dabei auch, dass die Suche nicht gleich für beendet erklärt wird, sobald die ersten Ergebnisse vorliegen.

Das zeigt sich etwa am gerne zitierten Beispiel Aspirin. Rieder: „Es langt nicht, zu sagen, gut, wir wissen, Aspirin schützt zwar Männer, nicht aber Frauen vor einem ersten Herzinfarkt. Da muss man schon genau hinsehen und auch merken: Aspirin senkt dafür bei Frauen das Schlaganfallrisiko.“

Es gibt sie also, die eindeutigen geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Wirkung – und es müssen eben alle beobachteten Effekte erforscht werden, nicht nur die augenscheinlichsten.

Der Pferdefuss dabei: Bei bisherigen Studien waren die Versuchsgruppen größtenteils männlich; weibliche Versuchspersonen nur in deutlich geringerer Zahl vertreten. Aussagen, die in Bezug auf Frauen Hand und Fuß haben, lassen sich daher in den meisten Fällen nicht treffen. Hier wäre auf praktisch allen Gebieten der Medizin Handlungsbedarf gegeben, diese Studien noch einmal von vorne aufzurollen – angefangen von der Immunologie über die Osteoporoseforschung bis hin zum Thema Stammzellen.

„Aber das man gar nichts weiß, stimmt nicht“, wirft Rieder ein, „Etwa in der Krebstherapie berücksichtigt man bereits die Unterschiede – vor allem, was die Dosierung der Medikamentation anbelangt.“

Auch hinsichtlich ihrer Ernährung gilt es, die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein zu beachten. Hier spielt – soweit man weiß – das jeweilige Rollenverhalten eine stärkere Rolle als die Biologie: Frauen sind (zumindest ab einem gewissen Alter) übergewichtiger als Männer. Woran das liegt? An den Hormonen einerseits, andererseits aber sicher auch daran, dass sie sich weniger bewegen. Trotz erfolgreicher weiblicher Athletinnen, ist Sport in unserer Gesellschaft nämlich immer noch eher männlich konnotiert. Das ändert sich allmählich. Jeder, der schon einmal die Nase in eine Pilates-Stunde gesteckt hat, weiß, dass Frauen hier die absolute Mehrheit stellen. Allerdings geschehen diese Änderungen nicht so rasch, wie erstrebenswert wäre – und sie erfassen auch nicht alle gesellschaftlichen Schichten. Die Mehrfachbelastung als berufstätige Mutter lässt beispielsweise oft gar keine Zeit für Sport. Wer Stress abbauen will, greift dann eher zum Schokoriegel als zur Hantel: Der Weg zum metabolischen Syndrom (Übergewicht, Diabetes, Herzprobleme) ist vorgezeichnet. Gynäkologin Güner: „Das Klischee, das Frauen mehr Schokolade essen als Männer, ist leider wahr. Und auch der Rest einer halbwegs ausgewogenen Ernährung fällt dem Stress zum Opfer. Ich kenne das ja von mir selber. Ich komme am Nachmittag nach Hause und habe gar keine Zeit, etwas Anständiges zu kochen. Da wird’s dann halt oft die Pizza zwischendurch.“

Darüber hinaus mischt sich das erlernte Rollenverhalten auch noch über die Bande in die weibliche Gesundheitsvorsorge ein: Gegen welche Mauern läuft frau an, wenn sie versucht, gesund zu kochen, während ihr Mann Schnitzel mit Mayonnaise-Salat einfordert?

Zu den wichtigen Aufgaben einer gendersensiblen Medizin zählt daher auch, den Frauen zu vermitteln, dass sie selber Priorität haben, ja, dass ihre Gesundheit ein wertvolles Gut ist! „Nicht nur für andere sorgen – auch für sich selbst“, lautet die Devise.

Tatsächlich nehmen Frauen Rehabilitation viel seltener in Anspruch als Männer. Einerseits, weil viele Frauen nicht berufstätig sind und eine Wiedereingliederung in den Job gar nicht das erklärte Ziel ist. Vor allem aber, weil Versorgungspflichten (Mann, Kinder, evtl. die eigenen Eltern) den Frauen keine Zeit lassen, auf sich selber zu schauen. Der Gedanke „Ohne mich geht es nicht“ hält Frauen davon ab, ambulante und stationäre Einrichtungen in dem Maße aufzusuchen, wie es – etwa nach einem Herzinfarkt – eigentlich nötig wäre.

Und zu allem Überfluss wäre da noch das leidige Thema Rauchen.

Der Prozentsatz der rauchenden Männer ist in den letzten vierzig Jahren deutlich zurück gegangen. Die Kurve bei Frauen hingegen steigt frappierend an. Das wirkt sich auch – deutlich nachweisbar – auf die Lungenkrebsmortalitätsraten des jeweiligen Geschlechtes aus. Insbesondere die Kombination Rauchen und Pille hat katastrophale Auswirkungen. Ab einem Alter von 35 gilt hier: Finger weg!

Rieder: „Rauchen ist der massivste Risikofaktor, den es für die Gesundheit gibt. Und auch der am besten beleg- und nachweisbare.“ Zwar ist die körperliche Nikotinabhängigkeit bei Männern größer, Frauen haben aber eine stärkere psycho-soziale Abhängigkeit, die das Abgewöhnen deutlich schwieriger macht.

Eine Medizin, maßgeschneidert für jedes Geschlecht, „Frauendiät“ vs. „Männerdiät“, „Frauen-Rauchstopp“ vs. „Männerrauchstopp“ – ist das also eine denkbare Lösung für die Zukunft? Bis zu einem gewissen Grad vielleicht tatsächlich. Allerdings warnt auch Gender-Expertin Rieder vor all zu starrem Schubladendenken: „Ein Gesundheitsproblem ist natürlich immer ein sehr individuelles. Wichtig ist – da sind sich alle einig – den Patienten/die Patientin in der ganz speziellen Situation wahrzunehmen, in der er/sie sich befindet und nicht nach Schema F vorzugehen.“

Strikte Behandlungsleitlinien à la „wenn Frau, dann X / wenn Mann, dann Y“ wird es also sicher nie geben. Eine erhöhte Sensibilität aber schon. Zeit wird’s!


Kästchen:

Frauengesundheit – Glossar: Die wichtigsten Themen von A-Z

Adipositas: ist durch eine übermäßige Ansammlung an Fettgewebe im Körper gekennzeichnet und wird als chronische Gesundheitsstörung verstanden. Die Folgen reichen von Atemproblemen und orthopädischen Störungen bis zu Herzkrankheiten und Diabetes.

Endometriose: ist eine (meist gutartige) Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut, die bei Frauen in gebärfähigem Alter auftritt. Die Krankheit ist chronisch und schmerzhaft.

Harninkontinenz: Auch: Blasenschwäche. Die Unfähigkeit, den Urin bewusst zu halten, kann verschiedene Ursachen haben und in praktisch jedem Alter auftreten. Man kann aber auch selber etwas dagegen tun.

Herzerkrankungen: Frauen sterben häufiger infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer. Risikofaktoren sind: Übergewicht, Rauchen, Blutzucker, ungesunde Ernährung, Stress, mangelnde Bewegung und hoher Blutdruck.

Krebserkrankungen: frauenspezifische Krebserkrankungen sind Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Gebärmutterkörperkrebs und Eierstockkrebs. Das Thema ist sehr umfangreich. Einen Überblick erhalten Sie unter: http://diesie.at/frauengesundheit/krebserkrankungen/

Mammographie. Röntgenuntersuchung der Brust zur Vorsorge gegen Brustkrebs. Frauen über 40 Jahren sollten in regelmäßigen Abständen zur Mammographie gehen.

Osteoporose: ist eine Erkrankung der Knochen. Durch Abnahme der Knochendichte werden die Knochen anfälliger für Brüche. Kalziumreiche Ernährung und gezielte Bewegung gelten als wichtigste Vorsorgemaßnahmen.

Wechseljahre: darunter versteht man das Zeitintervall (üblicher Weise zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr), indem di

Männer sind anders. Frauen auch. Ein Unterschied, der im Alltag wohl jedem bewusst ist, beginnt zusehends auch in der Medizin eine Rolle zu spielen. „Gendermedizin“ heißt die Wissenschaft, die sich dem Thema verschrieben hat. Aber: Brauchen Männer und Frauen tatsächlich verschiedene Schnupfenmittel? Die Gesunde Stadt hat nachgefragt.

„Nein“, lacht Dr. Hediye Güner, „Ich habe vor fünf Jahren hier im Kaiser Franz Josef Spital angefangen – und ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass wir unterschiedliche Erkältungsmittel verschreiben. Gerade bei asthma-bronchialen Erkrankungen ist es durchaus sinnvoll und üblich, die gleichen Medikamente zu geben, unabhängig davon, ob der Patient männlich oder weiblich ist.“ Was aber mehr und mehr in die ärztliche Betreuung einfließt, ist die Berücksichtung der individuellen Lebenssituation. Das persönliche Umfeld spielt immer eine Rolle. „Wenn ich eine Frau vor mir habe, die drei kleine Kinder zuhause hat, muss ich diese Situation anders mitdenken, als bei einem alleinstehenden Mann.“

Das wirkt sich natürlich auch auf die Arzt-PatientInnen Kommunikation aus. Und Kommunikation – daran besteht kein Zweifel – ist gerade in der Medizin ein Eckpfeiler der Behandlung.

Ist dies also das Geheimnis der „Gendermedizin“? Kommunikation und das Beachten sozialer Faktoren? „Nein, das wäre auch zu kurz gegriffen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Anita Rieder. Sie arbeitet am Wiener Institut für Sozialmedizin und hat sich auf das Thema Gender spezialisiert. Ihre Definition: „Gendermedizin beschäftigt sich einerseits mit den biologischen (und klar beobachtbaren) Unterschieden von Mann und Frau, andererseits mit Unterschieden, die durch die soziale Rolle entstehen. Diese beiden Bereiche werden aber nicht getrennt, sondern als ein Ganzes gesehen.“

Das heißt zum Beispiel, dass akute klinische Versorgung zwar Priorität genießt, darüber hinaus aber auch die psycho-soziale Ebene einfließt. Denn Männer und Frauen bringen hier sehr unterschiedliches „Gepäck“ mit. Die Aufgabe einer integrativen Versorgung wäre z.B. auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten anzubieten, um es einer Frau zu ermöglichen, die verordnete Bettruhe auch tatsächlich einhalten zu können.

Durch solche sozialen Ansätze geht die Gendermedizin über die – bereits ältere – Trennung in „Frauengesundheit“ und „Männergesundheit“ hinaus. Früher wurde Frauengesundheit fast ausschließlich aus dem Blickwinkel der Reproduktion erforscht. Die Idee, sich über die medizinischen Versorgungsanliegen hinausgehend auch um gesellschaftspolitische Anliegen zu kümmern, hat ihre Wurzeln im Feminismus. Andere Wissenschaftsrichtungen, wie etwa die Soziologie, waren hier lange Zeit der Medizin voraus. Rieder: „Das Thema Gender Studies hat in vielen Bereichen eine Rolle gespielt, lange bevor die Medizin angefangen hat, es zu integrieren.“

Inzwischen wird viel geforscht und Überraschendes gefunden. Als klassisches Beispiel für die Sinnhaftigkeit einer differenzierten Gendermedizin gelten die Herz-Kreislauf-Krankheiten. „Gerade in der Kardiologie zeigen sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau deutlich“, weiß Rieder, „Dabei stehen wir derzeit allerdings vor dem Problem, dass wir zwar die Unterschiede erkennen und beschreiben können, die Ursachen und dahinterliegenden Mechanismen aber noch völlig unklar sind.“

Zum Beispiel: Warum haben Frauen, die Diabetikerinnen sind ein viel größeres Herzinfarktrisiko als Männer in einer vergleichbaren Situation? Warum sind ältere Frauen weitaus öfter von Herzmuskelschwäche betroffen als ältere Männer? Und warum haben sie dennoch meist bessere Prognosen als die Vergleichsgruppe?

„Die beobachtbaren Geschlechtsunterschiede sind jedenfalls ein Hinweis darauf, dass es da noch einen Hintergrund zu untersuchen gibt. Die Forschungsergebnisse können helfen, in der Prävention, in der Diagnostik und in der Therapie bessere Ergebnisse zu erzielen.“

Wichtig ist dabei auch, dass die Suche nicht gleich für beendet erklärt wird, sobald die ersten Ergebnisse vorliegen.

Das zeigt sich etwa am gerne zitierten Beispiel Aspirin. Rieder: „Es langt nicht, zu sagen, gut, wir wissen, Aspirin schützt zwar Männer, nicht aber Frauen vor einem ersten Herzinfarkt. Da muss man schon genau hinsehen und auch merken: Aspirin senkt dafür bei Frauen das Schlaganfallrisiko.“

Es gibt sie also, die eindeutigen geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Wirkung – und es müssen eben alle beobachteten Effekte erforscht werden, nicht nur die augenscheinlichsten.

Der Pferdefuss dabei: Bei bisherigen Studien waren die Versuchsgruppen größtenteils männlich; weibliche Versuchspersonen nur in deutlich geringerer Zahl vertreten. Aussagen, die in Bezug auf Frauen Hand und Fuß haben, lassen sich daher in den meisten Fällen nicht treffen. Hier wäre auf praktisch allen Gebieten der Medizin Handlungsbedarf gegeben, diese Studien noch einmal von vorne aufzurollen – angefangen von der Immunologie über die Osteoporoseforschung bis hin zum Thema Stammzellen.

„Aber das man gar nichts weiß, stimmt nicht“, wirft Rieder ein, „Etwa in der Krebstherapie berücksichtigt man bereits die Unterschiede – vor allem, was die Dosierung der Medikamentation anbelangt.“

Auch hinsichtlich ihrer Ernährung gilt es, die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein zu beachten. Hier spielt – soweit man weiß – das jeweilige Rollenverhalten eine stärkere Rolle als die Biologie: Frauen sind (zumindest ab einem gewissen Alter) übergewichtiger als Männer. Woran das liegt? An den Hormonen einerseits, andererseits aber sicher auch daran, dass sie sich weniger bewegen. Trotz erfolgreicher weiblicher Athletinnen, ist Sport in unserer Gesellschaft nämlich immer noch eher männlich konnotiert. Das ändert sich allmählich. Jeder, der schon einmal die Nase in eine Pilates-Stunde gesteckt hat, weiß, dass Frauen hier die absolute Mehrheit stellen. Allerdings geschehen diese Änderungen nicht so rasch, wie erstrebenswert wäre – und sie erfassen auch nicht alle gesellschaftlichen Schichten. Die Mehrfachbelastung als berufstätige Mutter lässt beispielsweise oft gar keine Zeit für Sport. Wer Stress abbauen will, greift dann eher zum Schokoriegel als zur Hantel: Der Weg zum metabolischen Syndrom (Übergewicht, Diabetes, Herzprobleme) ist vorgezeichnet. Gynäkologin Güner: „Das Klischee, das Frauen mehr Schokolade essen als Männer, ist leider wahr. Und auch der Rest einer halbwegs ausgewogenen Ernährung fällt dem Stress zum Opfer. Ich kenne das ja von mir selber. Ich komme am Nachmittag nach Hause und habe gar keine Zeit, etwas Anständiges zu kochen. Da wird’s dann halt oft die Pizza zwischendurch.“

Darüber hinaus mischt sich das erlernte Rollenverhalten auch noch über die Bande in die weibliche Gesundheitsvorsorge ein: Gegen welche Mauern läuft frau an, wenn sie versucht, gesund zu kochen, während ihr Mann Schnitzel mit Mayonnaise-Salat einfordert?

Zu den wichtigen Aufgaben einer gendersensiblen Medizin zählt daher auch, den Frauen zu vermitteln, dass sie selber Priorität haben, ja, dass ihre Gesundheit ein wertvolles Gut ist! „Nicht nur für andere sorgen – auch für sich selbst“, lautet die Devise.

Tatsächlich nehmen Frauen Rehabilitation viel seltener in Anspruch als Männer. Einerseits, weil viele Frauen nicht berufstätig sind und eine Wiedereingliederung in den Job gar nicht das erklärte Ziel ist. Vor allem aber, weil Versorgungspflichten (Mann, Kinder, evtl. die eigenen Eltern) den Frauen keine Zeit lassen, auf sich selber zu schauen. Der Gedanke „Ohne mich geht es nicht“ hält Frauen davon ab, ambulante und stationäre Einrichtungen in dem Maße aufzusuchen, wie es – etwa nach einem Herzinfarkt – eigentlich nötig wäre.

Und zu allem Überfluss wäre da noch das leidige Thema Rauchen.

Der Prozentsatz der rauchenden Männer ist in den letzten vierzig Jahren deutlich zurück gegangen. Die Kurve bei Frauen hingegen steigt frappierend an. Das wirkt sich auch – deutlich nachweisbar – auf die Lungenkrebsmortalitätsraten des jeweiligen Geschlechtes aus. Insbesondere die Kombination Rauchen und Pille hat katastrophale Auswirkungen. Ab einem Alter von 35 gilt hier: Finger weg!

Rieder: „Rauchen ist der massivste Risikofaktor, den es für die Gesundheit gibt. Und auch der am besten beleg- und nachweisbare.“ Zwar ist die körperliche Nikotinabhängigkeit bei Männern größer, Frauen haben aber eine stärkere psycho-soziale Abhängigkeit, die das Abgewöhnen deutlich schwieriger macht.

Eine Medizin, maßgeschneidert für jedes Geschlecht, „Frauendiät“ vs. „Männerdiät“, „Frauen-Rauchstopp“ vs. „Männerrauchstopp“ – ist das also eine denkbare Lösung für die Zukunft? Bis zu einem gewissen Grad vielleicht tatsächlich. Allerdings warnt auch Gender-Expertin Rieder vor all zu starrem Schubladendenken: „Ein Gesundheitsproblem ist natürlich immer ein sehr individuelles. Wichtig ist – da sind sich alle einig – den Patienten/die Patientin in der ganz speziellen Situation wahrzunehmen, in der er/sie sich befindet und nicht nach Schema F vorzugehen.“

Strikte Behandlungsleitlinien à la „wenn Frau, dann X / wenn Mann, dann Y“ wird es also sicher nie geben. Eine erhöhte Sensibilität aber schon. Zeit wird’s!


Kästchen:

Frauengesundheit –  Glossar: Die wichtigsten Themen von A-Z

–       Adipositas: ist durch eine übermäßige Ansammlung an Fettgewebe im Körper gekennzeichnet und wird als chronische Gesundheitsstörung verstanden. Die Folgen reichen von Atemproblemen und orthopädischen Störungen bis zu Herzkrankheiten und Diabetes.

–       Endometriose: ist eine (meist gutartige) Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut, die bei Frauen in gebärfähigem Alter auftritt. Die Krankheit ist chronisch und schmerzhaft.

–       Harninkontinenz: Auch: Blasenschwäche. Die Unfähigkeit, den Urin bewusst zu halten, kann verschiedene Ursachen haben und in praktisch jedem Alter auftreten. Man kann aber auch selber etwas dagegen tun.

–       Herzerkrankungen: Frauen sterben häufiger infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer. Risikofaktoren sind: Übergewicht, Rauchen, Blutzucker, ungesunde Ernährung, Stress, mangelnde Bewegung und hoher Blutdruck.

–       Krebserkrankungen: frauenspezifische Krebserkrankungen sind Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Gebärmutterkörperkrebs und Eierstockkrebs. Das Thema ist sehr umfangreich. Einen Überblick erhalten Sie unter: http://diesie.at/frauengesundheit/krebserkrankungen/

–       Mammographie. Röntgenuntersuchung der Brust zur Vorsorge gegen Brustkrebs. Frauen über 40 Jahren sollten in regelmäßigen Abständen zur Mammographie gehen.

–       Osteoporose: ist eine Erkrankung der Knochen. Durch Abnahme der Knochendichte werden die Knochen anfälliger für Brüche. Kalziumreiche Ernährung und gezielte Bewegung gelten als wichtigste Vorsorgemaßnahmen.

–       Wechseljahre: darunter versteht man das Zeitintervall (üblicher Weise zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr), indem die Eierstöcke ihre Hormonproduktion (Östrogene, Gestagene) einstellen. Unter Umständen kann eine Hormonersatztherapie helfen, auftretende Beschwerden zu lindern.

–       Zysten (Eierstock): Zysten sind ballonartige Auftreibungen des Eierstockes, die im Inneren mit Flüssigkeit gefüllt sind. Sie sind gutartig und oft bilden sie sich von selber wieder zurück. Es ist aber Vorsicht geboten, denn eine Zyste kann unter Umständen auch bösartig werden. Im Zweifelsfall werden Zysten im Rahmen einer Zystektomie operativ entfernt.

e Eierstöcke ihre Hormonproduktion (Östrogene, Gestagene) einstellen. Unter Umständen kann eine Hormonersatztherapie helfen, auftretende Beschwerden zu lindern.

Zysten (Eierstock): Zysten sind ballonartige Auftreibungen des Eierstockes, die im Inneren mit Flüssigkeit gefüllt sind. Sie sind gutartig und oft bilden sie sich von selber wieder zurück. Es ist aber Vorsicht geboten, denn eine Zyste kann unter Umständen auch bösartig werden. Im Zweifelsfall werden Zysten im Rahmen einer Zystektomie operativ entfernt.

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Bakkalaureatsarbeit, 2009 / Abstract

Der oft beschworene Gegensatz zwischen „old“ und „new media“, zwischen Produkt- und Prozessjournalismus, beruht zu großen Teilen auf unterschiedlichen Mechanismen der Informationsproduktion und -distribution. In Anlehnung an Vilém Flusser lässt sich zwischen dialogischen und diskursiven Medien unterscheiden. Während in dialogischen Medien Information durch Austausch und Synthese geschaffen wird, kommt diskursiven Medien die Aufgabe zu, die vorhandene Information zu verteilen. Dabei kommt es zu einer Wechselwirkung: Im Dialog wird jene Information erschaffen, die im Diskurs verteilt wird und deren Verteilung (= Mehrung) wiederum die Basis für Folgedialoge schafft. Überträgt man dieses Unterscheidungsmerkmal auf den Gegensatz zwischen „old“ und „new media“, so lässt sich den klassischen Massenmedien die diskursive Rolle, den computerbasierten „Sozialen Medien“ die dialogische Rolle zuordnen. Eine diskursive oder dialogische Mediennutzung ist jedoch nicht prinzipiell an spezielle Medien gebunden. Sie ist gesellschaftlich bedingt und zeigt sich in Kulturen des Gebrauchs. Information wird im Dialog (und hier vor allem in der von Flusser beschriebenen egalitären Form des „Netzdialoges“) durch folgende Prozesse aggregiert: Veröffentlichung von Privatem (publizieren), Festsetzen eines Wertes der Information (durch Vergleich und Tausch) und Informieren der Öffentlichkeit. Als klassisches Medium des Netzdialoges gilt der griechische Marktplatz, die Agora. Hier wurden einerseits Informationen innerhalb der Dorfbevölkerung getauscht, andererseits war der Platz offen für Meldungen und Waren, die von außerhalb ins Dorf getragen wurden. In der aktuellen Medienlandschaft kommt dem Microblogging-Dienst Twitter eine ähnliche Funktion zu. Hier trifft (computerbasierte) Gruppenkommunikation zwischen den „Dorfbewohnern“ (sprich: einer Gemeinde an Followern) auf Massenkommunikation, da der Informationsaustausch innerhalb der Gruppe zugleich an ein Massenpublikum übertragen wird, das auch ganz den Anforderungen entspricht, die Maletzke an ein solches stellt: unbegrenzt, öffentlich, dispers. Der markante Unterschied zu klassischen Formen der Massenkommunikation besteht jedoch darin, dass die ebenfalls von Maletzke postulierte Einseitigkeit jederzeit aufgehoben werden kann. In dem computerbasierten Netzdialog der Twittersphäre kann prinzipiell jeder Teilnehmer zum Kommunikator und zum Anbieter von (Informations-)Content werden. Ob diese publizistische Aufwertung des Publikums als Bedrohung für das etablierte System des Journalismus empfunden wird, obliegt dem Rollenverständnis des jeweiligen Journalisten und seiner Bereitschaft, sich – wenn man so will – auf „die Regeln“ des Web 2.0 einzulassen: auf Transparenz, Offenheit, Geschwindigkeit und Integration eines Publikums, das sich auf Augenhöhe befindet. Kurz: „Die Idee der gemeinsamen Maximierung kollektiver Intelligenz und der Bereitstellung von Nutzwerten für jeden Teilnehmer durch formalisierte und dynamische Informationsteilung und -herstellung.“ Am Beispiel Twitter lassen sich Möglichkeiten aufzeigen, die bereits von Journalisten genutzt werden, um für sich und die Rezipienten ebensolche Nutzwerte zu generieren. Ziel dabei ist die Integration von Journalismus und Social Media zu einer neuen kollaborativen Form des „Social Journalism“. Dabei kommen Twitter unterschiedliche Rollen zu: Nachrichtenagentur, Recherchetool, Ideenpool, Media Watchdog, Agenda Setting etc. Darüber hinaus lässt sich mittels Twitter ein neues Level an Medienbindung erreichen (Stichwort: Unmittelbarkeit und Intimität). Auch bietet Twitter Medien und Journalisten Möglichkeiten für PR und Selbstpräsentation, und hilft Sommerlöcher durch User Generated Content zu füllen. Aber klassischer Journalismus verschwindet nicht durch die neue Fülle an UGC und „Bürgerjournalismus“. Journalisten bringen – wenn sie das in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen vermögen – dem Publikum einen Mehrwert: als Gatekeeper, durch Quellenkritik, durch seriöse Recherche uvm. Sie erfüllen eine notwendige Funktion für die Gesellschaft. Diese Notwendigkeit bleibt bestehen – auch wenn sich die Infrastrukturen rund um den Journalismus drastisch ändern. Es stellt sich also weniger die Frage, ob der Journalismus stirbt, sondern – wie Picard schreibt – welche Formen er in Zukunft annehmen wird, um seine Funktion in einer veränderten Welt wahrzunehmen.

Download via textfeld.ac.at

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[für den WIENER / Aug. 09, unveröffentlicht]

Das hat schon Tim Berners-Lee gewusst, als er damals mit seinen Freunden in CERN abhing und das WWW erfand: “The Web is more a social creation than a technical one.“

Und Recht sollte er behalten.

Ok, Web 2.0 – das Schreckgespenst all jener, die nicht damit umgehen können – ist natürlich nur Dank der (technischen) Entwicklung deppensicher Benutzeroberflächen realisierbar. Die losgetretene Revolution ist aber eine durch und durch soziale. Und sie lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Das haben Revolutionen nun mal so an sich: Ist die Milch verschüttet, hat der Tetrapack Pech gehabt.

Nutzwert durch Teilhabe, Partizipieren statt Publizieren, Mitgestalten statt Berieselnlassen – das ist ein Medienverhalten, dass sich tief in die Gene der Generation „Digital Native“ eingeschrieben hat. Sorry, meine Herren, aber „Halts Maul, Bua, und hock dich vors Patschenkino!“ wird  nicht mehr funktionieren. Volk 2.0 will nicht Brot und Spiele vorgesetzt bekommen. Die Brotrezepte holt es sich aus der Blogosphäre und die Spiele macht es sich selber.

Gibt halt immer ein paar die einen beleidigten Fotz ziehen und dann nicht mehr mitspielen wollen. Erinnert mich ein bisschen an meine kleine Tochter: Wenn nicht alle das tun, was sie sagt, macht ihr das Spielen keinen Spaß. Das ist in Ordnung; sie ist 5.

Die Macher der Popkomm sind aber schon ein bissl älter; man hätte annehmen sollen, weiser.

Jedoch: Eine der größten Musikveranstaltungen Berlins wird abgesagt, weil die Musikkonzerne ja alle so arm sind, ihre Wunden lecken müssen und die böse Regierung immer noch nix gegen die fiesen Piraten getan hat. „Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen“, behauptet Dieter Gorny, Präsident des Bundesverbands Musikindustrie.

Die Popkomm – für jene, die sie nicht kennen – ist (war?) eine internationale Musikmesse, kombiniert mit Kongress und Festival, die jährlich Tausende Fachbesucher aus aller Welt nach Berlin lockte. Die Nachricht von der Absage verbreitete sich wie ein Lauffeuer, stieß generell auf Unverständnis und Wut. „Popkomm absagen und es der Internet-Piraterie anhängen ist wohl der schäbigste PR-Stunt seit langem“, twitterte die Wiener Medienexpertin und Bloggerin Jana Herwig in einer ersten Reaktion. In einer zweiten rief sie dazu auf, die Dinge einfach selber in die Hand zu nehmen: „Wo Gorny hingeschmissen hat, da denken wir weiter. Nicht damit man uns die Popkomm wieder gibt – wir machen was besseres draus. Bottom-up, dezentral. Nur was für die Musik gut ist, darf bleiben!“

Da war es also wieder, das Partizipieren (pfui) und die Eigeninitiative (schauder).

Klar, eine Graswurzel-Popkomm wird wohl keine gehypten Superstars dazu bewegen können, in Berlin ihre operierten Nasenlöcher in die Kameras zu halten. („Na geeeeehhhh, ganz ohne Lehdigaagaa …“)

Ein Musikevent, bei dem sich Bands einem Publikum präsentieren können, bei dem über Konzepte und Ideen diskutiert wird, das ist aber sehr wohl möglich. Und daran wird eifrig gebastelt. Herwig hat analog zu den allerorten boomenden „Un-Konferenzen“, die ebenfalls bottom-up, hierarchiefrei und ohne Konzerninteressen ablaufen, den Begriff der „#unkomm“ ins Leben gerufen. Suchen Sie mal nach „#unkomm“ (Hashtag nicht vergessen!) auf Facebook, Twitter und, ja meinetwegen auch Google. Sie werden überrascht sein, was sich tut.

Die Popkomm ist tot. Die #unkomm lebt. Und mit ihr lebt alles, was das Web2.0 ausmacht. Gorny und Co. werden sich daran gewöhnen müssen: Eine Revolution lässt sich nicht zurücknehmen.


Das Strategiepapier für die #unkomm gibt es zum Download auf http://digiom.files.wordpress.com/2009/06/unkomm-strategiepapier.pdf

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Ich hätte gerne auf Günter Exel geantwortet, aber die Kommentarfunktion erlaubt mir kein html (oder bin ich blind?) und da wird das alles so unübersichtlich mit den links…
Deshalb mach ich gleich einen neuen Blogpost daraus :)
Wer wissen will, worauf sich diese Antwort bezieht, kann das hier nachlesen.

Here we go:

Hut ab für das Antworten in 140-Zeichen-Blöcken. Ich war kurz in Versuchung, ebenso darauf zu reagieren, aber ich bin viel zu faul das würde ja der Intention dieses Blogs zuwider laufen ;)

Ein paar Punkte aber:

Falls das Zitieren in Wort & Screenshot als Angriff rübergekommen ist – so war’s sicher nicht gemeint. Retweetet haben’s viele (inklusive mir), ich wollte lediglich meine direkte Quelle exemplarisch nennen. Ich wäre nicht @twit_consult follower, wenn ich’s nicht schätzen würde.

Ich unterschätze nicht, wie sehr sich unser Alltag und unser Verständnis der Welt verändert und auch noch verändern wird. Twitter ist für mich aber nur ein Teil davon. Mag sein ein wertvoller, nicht zu unterschätzender, aber doch nur ein Teil eines Prozesses, dessen Auswirkungen wir wahrscheinlich gar nicht ermessen können.

Da ich mit Kindergeburtstag und #klofail persönlich angesprochen wurde, hier meine Überzeugung:
Kindergeburtstag & #klofail und ja, auch die Essensvorlieben von Heather aus Cincinnati, sind Teil dieses Umwälzungsprozesses – oder, um es mit dem TIME Magazine zu sagen: The social warmth of all those stray details shouldn’t be taken lightly, denn sie verändern unsere Beziehungen und unseren Umgang miteinander, unser „Involvement“. Sie bauen eben jene „suspension bridge made of pebbles“ (ebd.)

Wir entwickeln auf Twitter ein Gefühl der Nähe für Fernes.
So wie sich Gehirnbahnen nur entwickeln, wenn sie genutzt werden, entwickelt und schult sich auf Twitter unser Sinn für „persönliches Involvement trotz Distanz“.
Somit üben wir an nobabes Topfenknödel jenes Zugehörigkeitsgefühl, dass uns in einer Krisensituation Proxy Server für den Iran programmieren lässt… (Kühne These? Vielleicht. Aber ich würde die einzelnen „pebbles“ nicht unterschätzen.)

Ich beobachte mit Spannung & Erfurcht. Aber ich bleibe dennoch dabei: Ein Friedensnobelpreis hat etwas mit Intention und persönlichem Einsatz zu tun.
Dedication to a cause – weiß nicht, ob das (bei aller Wertschätzung) auf @ev und @biz zutrifft…
Zudem ist er dotiert. Das Geld kann man anderswo besser brauchen als in San Francisco.

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Twittensnobelpreis

Jana Herwig hat neulich ihre Meinung über die wahrlich strunzdumme Öffi-Kampagne der Jungen ÖVP Wien dargelegt und abschließend angemerkt

P.S. Evtl. mal nachschlagen, was ein Rant ist…

Das fand ich charmant. Und wenn ranting wieder in Mode ist, dann schließ ich mich an, denn mich fuchst diese Twitternobelpreis-Geschichte seit heute morgen…

Mark Pfeifle, ein (ehemaliger) Sicherheitsberater der (ehemaligen) US-Regierung hat also vorgeschlagen, dass Twitter für den Friedensnobelpreis nominiert werden soll.
Rechtmäßig kann er das nicht, aber, ok, man wird ja noch seine Meinung äußern dürfen. Und ja, diese Meinung darf auch mal verschroben und daneben sein (hier die komplette Transkription des Interviews).
Formulierungen wie

„If there’s anybody that should possibly get a Nobel Peace Prize…“ und Tweets, die postulieren, die Twittergründer Evan Williams und Biz Stone hätten’s definitiv mehr verdient als Arafat und Carter, zeigen ohnedies deutlich, wessen Geistes Kind Pfeifle ist.
Zumal er offensichtlich glaubt „Why not?“ wäre ein valides Argument in dieser Diskussion. (Hatte, ich schon erwähnt, für wen er gearbeitet… ? Indeed.)

Also, in Ordnung. Da sagt einer was. Und es ist doof. Und wenn man den Kontext recherchiert, braucht man’s eh nicht ernstnehmen. But it’s Twitter. Auf Twitter wird nun mal kein Kontext recherchiert. Ich hab’s von Günter Exel (@twitt_consult).


Der hat’s vom O’Reilly Verlag, dieser wiederum von SEO-united. Hat eine Meldung nur genug Neuigkeitswert oder – im Sinne Gladwells – einen entsprechenden „stickiness factor“, wird das schneller viral als unsereins „Stockholm“ sagen kann.

Soweit ich gesehen hab, gab’s im deutschsprachigen Raum wenig Meldungen zur Pfeifle-Aussage. Auf Englisch lässt sich inzwischen aber allerhand ergoogeln. Durchaus auch Befürworter:

If those two old frauds Mother Teresa and The Dalai Lama get peace awards for doing less for humanity than your average cab driver then Twitter deserves at least one for every voice that made it out of that horrid wilderness.

Oder:

If Al Gore deserves one for his bad science, then Twitter ought to get a whole bunch of them. At least they’re not trying to fool people.

(Beide übrigens von hier)

Ja, vielleicht lachen wir morgen alle über den „Twittensnobelpreis“ (© aigu), aber genauso gut, kann’s passieren, dass da ein Trendig Topic oder, what’s worse, eine ordentliche Epidemie draus wird.

Weil – hui – wir haben Twitter ja alle so lieb und wir freuen uns alle so, wenn was Webzweinulliges von etablierten Gremien ernst genommen wird. Und jetzt zeigen wir der Welt einmal, wer hier die partizipativen Hosen anhat!

Ähem.
Also da fänd ich’s dann schon wichtig zu sagen:

  • Twitter ist eine Infrastruktur. Sonst nichts. Hat der Buchdruck einen Friedensnobelpreis verliehen bekommen, bloß weil man Dank seiner Erfindung die Menschenrechtserklärung drucken kann?
  • Twitter wurde nicht in der Absicht entwickelt, die Welt zu retten.
  • @ev und @biz sind vermutlich all around nice guys, aber das einzige, was man ihnen in Sachen #iranelection wirklich zugute halten kann, ist die Verschiebung der Wartungsarbeiten (und selbst die ist nicht auf ihrem Mist gewachsen).
  • Es sind immer noch die Menschen, die Twitter zu dem machen, was es ist. Twitter entscheidet nicht darüber, wie es genutzt wird. Die meisten Nutzer sind ohnedies nur Lurker. Und die, die sich austauschen, tun dies löwenanteilsmäßig über ihre Essensvorlieben.
  • Ja, all jenen, die unter den widrigsten Umständen getweetet und die Welt zum Hinschauen gezwungen haben, gebührt Respekt. Die haben Zivilcourage bewiesen und sich für etwas eingesetzt. Twitter hat das nicht.
  • The medium is not the message.

Also ich für meinen Teil wäre echt dankbar, wenn dieser Topfen nicht unendlich weiter retweetet wird. Spielt ja doch nur den Twitterhassern in die Hände.

Danke.
< /rant>

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