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Geier

„Did you ever let your lover see the stranger in yourself?“ – Billy Joel, The Stranger, 1977

Sie hatte gekocht. Er hatte einen ausnehmend guten Wein aufgemacht. Und dann sind sie zu dritt auf seinem Sofa gesessen: Er, L. und der Aasgeier. Den hatte L. nicht bemerkt, als er beim Fenster hereinflog, aber jetzt saß er auf der Lehne des neuen KARE-Schnäppchens und wartete auf die Leiche. Dass sie kichern musste, lag nicht nur am Wein. Plötzlich fand sie das alles unheimlich komisch. “Flieg heim, Depp”, sagte sie, “Die Sache ist längst gegessen.” Denn natürlich hatte der Geier recht: Der Mann, in den L. sich vor Jahren so glühend verliebt hatte, war tot. Der Doppelgänger am Fußende des Sofas sah ihm bloß täuschend ähnlich. Sie wusste das ebenso wie der Geier, vermutlich sogar länger als er. Der einzige, der’s nicht zu merken schien, war der Doppelgänger.

Je ehrlicher L. zu sich selber war, desto stärker konnte sie die Leiche riechen. Schnell steckte sie die Nase ins Weinglas. Heute wollte sie nicht ehrlich sein, sie kam so gerne her!
Sie sah ihn an. Er war schön. Äußerlich sah man die Veränderung nicht, nur die Schultern wirkten stärker gebeugt. Sie wollte die Hand danach ausstrecken, seine Verspannung lösen. Aber da war wieder diese Angst vor der Zurückweisung. Während der Doppelgänger aus dem “Profil” zitierte, streichelte L. ihn also mit den Augen. Traurig war das und tröstlich. Wie das Blättern in alten Fotoalben. Und mit einem Mal wusste sie, warum der Geier da war: Der wollte gar nicht seine Leiche. Der wollte ihre. “Schon gut”, sagte L., “Ich habe verstanden.” Und ging leise hinaus.

[Herzfrequenz-Kolumne für die WIENERIN 272/ Mai 2012]

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