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[für die „Gesunde Stadt“ 02/2008]

Lachen ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen. Das wusste nicht nur Victor Borge, das weiß auch jedes Kind: Bis zu 400(!) mal am Tag lachen Kinder. Und wenn sie keinen Grund dafür haben, dann erfinden oder suchen sie sich einen, denn zum Lachen gibt es eigentlich immer etwas – sei es ein Nonsens-Gedicht, ein komisch geformtes Hundstrümmerl oder die strengen Gesichter der Erwachsenen. Die sind ja oft so bitterernst, dass es schon wieder zum Zerkugeln ist…

Apropos: Jetzt raten Sie einmal, wie oft Erwachsene jeden Tag lachen! Mickrige null bis fünf mal. Die meisten behaupten nämlich, es gibt heutzutage immer weniger zu lachen. Oder gar: „Mir ist das Lachen vergangen“. Es sind also 395 mal lächeln, schmunzeln, strahlen, grinsen, losprusten, auflachen, einkringeln vor lauter Lachen, kreischen und zerfransen, die uns im Laufe unseres Lebens irgendwo abhanden gekommen sind. Das muss nicht so sein. „Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht“, befindet Monika Müksch, Lachmuskeltrainerin und Leiterin des Hernalser Lachklubs. Nicht zuletzt deshalb, weil Lachen enorm wichtig für unseren Körper ist: „Ich vergleiche es gerne mit »innerem Jogging«, denn Lachen ist ein wirklich intensives Muskeltraining. Auch wenn man nur die Arbeit der Gesichtsmuskulatur tatsächlich sehen kann, so ist doch der ganze Körper beteiligt.“

Die Folge: Sauerstoff wird in den Körper gepumpt; das wiederum führt zu einer guten Durchblutung, der Kreislauf wird angeregt – auch im Gehirn, weshalb Lachen gedächtnisstärkend wirkt. Es gibt sogar Studien, die eindeutig die blutdrucksenkende Wirkung des Lachens belegen. Das ist aber noch nicht alles: Immunforscher haben inzwischen herausgefunden, wie sich Lachen positiv auf das Immunsystem auswirkt, da es nachweislich jene Blutinhaltsstoffe vermehrt, die für die Immunabwehr wichtig sind. Etwa die T-Zellen, die den Körper gegen viele Krankheitserreger schützen.

Müksch: „Lachen fördert außerdem die Kreativität, weil es die linke und rechte Gehirnhälfte vernetzt. Es hat einen enormen psychohygienischen Nutzen. Und es ist ein wunderbares Schlankheitsmittel.“ Tatsächlich gilt unter vielen Gelatologen (= Lachforschern) die Devise „Lach dich flach!“, denn ein herzhaftes Lachen verbrennt eine enorme Anzahl Kalorien und ist daher förderlich für eine gute Figur.

Man kann sich also im wahrsten Sinne des Wortes „gesund lachen“. Bewiesen wurde das spätestens in den 1970er Jahren durch den britischen Journalisten Norman Cousins. Als Cousins an einer sehr schmerzhaften und als unheilbar eingestuften Spondylarthritis erkrankte, lies er sich in seinem Spitalszimmer einen Videorekorder installieren und sah sich von morgens bis abends lustige Filme an. Zwischendurch bat er eine Krankenschwester, ihm lustige Bücher vorzulesen. Nach einer Weile gingen den anderen Patienten Cousins Lachsalven gehörig auf die Nerven, sodass er das Krankenhaus verlassen musste. Er gab sich aber nicht geschlagen und setzte die selbstverordnete Lachtherapie zuhause fort. Innerhalb eines halben Jahres konnte er wieder schmerzfrei schlafen, konnte sich selbstständig bewegen und im Endeffekt lebte er ganze 26 Jahre länger, als die Ärzte prophezeit hatten.

In seinem Buch „Der Arzt in uns selbst“ führt Cousins seine Genesung auf die starken Selbstheilungskräfte zurück, die in uns Menschen schlummern, deren wir uns aber nicht bewusst sind.

In Anschluss daran begannen Ärzte und Therapeuten erstmals, sich mit der Wissenschaft des Lachens und des Humors auseinander zu setzen. Etwa zeitgleich trat in Amerika Dr. Hunter „Patch“ Adams auf den Plan. Er erkannte: „Menschen sehnen sich nach Lachen als ob es eine essentielle Aminosäure wäre.“ In seiner Arbeit mit kranken Kindern konnte Adams beobachten, dass die Heilungschancen stiegen, sobald er seine kleinen Patienten zum Lachen brachte. „Wie das genau funktioniert, wird gerade von Ärzten untersucht“, erklärt Lachexpertin Müksch, „Die Gelatologie ist noch eine vergleichsweise junge Wissenschaft.“ Unbestritten ist jedoch die enge Verknüpfung von physiologischen und psychischen Reaktionen. So hängen z.B. Lachen und Glücklichsein zusammen. Probieren Sie es einfach aus: Mit einem lachenden Gesicht, kann man keine traurigen Gedanken haben! Diese Überlegung steckt auch hinter der Entwicklung des indischen Lach-Yogas.

Selbstversuch für lachwillige Einsteiger: Die Mundwinkel nach oben ziehen und gut eine Minute oben halten. Müksch: „Das ist eine durchaus anstrengende muskuläre Übung, aber effektiv! Denn durch Training der zunächst nur äußerlich aufgesetzten Lachgrimasse, stellt sich über kurz oder lang ein wirklich empfundenes, herzhaftes Lachen ein.“ Fazit: Simulation führt zu echter Stimulation. Es kommt zur Ausschüttung der sogenannten „Glückshormone“ (Endorphine, Serotonin), während sich Stresshormone (wie z.B. Cortisol) reduzieren. Das ist auch der Grund, warum Lachen mehr und mehr als Burn-Out Prävention genützt wird: Es ist der größte Feind des Stresses.

„Lachen ist ein wichtiges Instrument der Salutogenese, der Lehre von der Gesundheit [Anm.: salus = lat. Gesundheit]“, weiß Müksch, „Denn während sich die Pathogenese mit dem Entstehen von Krankheiten auseinandersetzt, setzt die Salutogenese am anderen Ende des Spektrums an und fragt nach dem Ursprung der Gesundheit.“

Und wer nach diesem Ursprung sucht, der landet fast automatisch wieder beim Lachen…

Wir Erwachsenen verzichten also 395 mal täglich auf naturgegebene, kostenlose Vorsorgemedizin, die jedem von uns zusteht. Denken Sie einmal drüber nach… Oder noch besser: Lachen Sie!

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Seminararbeit, 2007 / Abstract

Um Comics lesen und interpretieren zu können, bedarf es eines kulturellen Kontextwissens. Die reduzierten Darstellungen werden durch persönliche Erfahrungen ergänzt (Gestaltpsychologischer Ansatz). Die vorliegende Seminararbeit will der Frage nachgehen, wie es dem Shojo Manga gelingt, Mädchen aus einem ganz anderen Kulturkreis anzusprechen, die mit anderen Erfahrungen und anderem Kontextwissen an die Lektüre herangehen, sich aber dennoch in den Darstellungen wiederfinden. Kurz: Warum lesen Mädchen Manga?

Download via textfeld.ac.at

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Schall und Rauch

[für die „Gesunde Stadt“, 02/2007]

In „Die Hochzeit meines besten Freundes“ hat Julianne (Julia Roberts) Stress: Gar nicht so leicht, einen Mann zu erobern, der in den nächsten Tagen eine andere heiraten will… Wenn Julianne Stress hat, dann raucht sie. Unentwegt. So überzeugend, dass sogar Hillary Clinton nach Ansicht des Filmes Bedenken äußerte, die Komödie könnte die Popularität des Rauchens noch weiter steigern. Denn was Julia Roberts den Zuschauern hier vorspielt, ist ein geradezu idyllisches Heilsversprechen einer Zigarette: Die Entspannung, die Verbesserung der Stimmung, der Laune, der gesamten Gefühlslage. Julianne wird im Film fokussierter, kann sich besser konzentrieren. Die ganze Bandbreite der psychoaktiven Wirkung von Nikotin wird gezeigt. Eine Wirkung, die verführerisch ist. Das will man als Zuschauer auch haben…

„Die Entspannung ist eine Illusion“, weiß Univ.-Prof. Manfred Neuberger, Ordinarius für Umwelthygiene an der Medizinischen Universität, „Der Raucher glaubt, mit einer Zigarette seinen Stress bewältigen zu können, aber in Wirklichkeit wird er durch den chronischen Serotoninmangel und andere Störungen im Gehirn eher stressempfindlicher und bewältigt ihn, auf lange Sicht gesehen, eigentlich schlechter.“

Ähnlich verhält es sich auch bei anderen Wirkungen des Nikotins, die nur im Moment angenehm erscheinen. Etwa als würde man sich besser konzentrieren können, während man in Wirklichkeit der geistigen Leistung schadet. „Nicht erst dann, wenn durch die Wirkung des Rauchens die Gefäße geschädigt werden, sondern schon vorher, denn das eingeatmete Kohlenmonoxyd wirkt dämpfend auf das zentrale Nervensystem“, erklärt Neuberger. Das wundert wohl kaum jemanden, wenn man bedenkt, dass Kohlenmonoxyd der selbe Stoff ist, der sich auch in Autoabgasen befindet.

So war auch die berühmte kleine „Rauchpause“, nach der man wieder frischer und kreativer ist, ein Geniestreich der Tabakwerbung: Jede Denkpause erfrischt. Auch (oder gerade dann) wenn dabei nicht geraucht wird. Eine Apfelpause. Eine Kniebeugenpause. Eine Klopause. Sie alle haben denselben Effekt, jedoch nicht das selbe kreative Image.

Neuberger: „Natürlich ist Nikotin in gewisser Weise anregend. Da gibt es verschiedenste Wirkungen, die da ablaufen. Das Wesentliche ist jedoch, dass durch das Rauchen die Regulation von Überträgersubstanzen im Gehirn verstellt wird und somit das Ganze nicht mehr so gut funktioniert, wie es ohne Nikotin funktionieren würde.“

Innerhalb von rund 7 Sekunden gelangt Nikotin, das man aus einer Zigarette inhaliert ins Gehirn und dockt dort an die von nikotinischen Acetylcholin-Rezeptoren an. Es kommt zu einer Ausschüttung von Botenstoffen, die ähnliche Wirkungen haben wie sogenannte „Glückshormone“. Es finden Veränderungen im Gehirn statt, unter dem Einfluss des Nikotins werden die Rezeptoren sogar vermehrt, sodass, hat man sich erst einmal daran gewöhnt, das Gehirn dann immer weiter Nikotin braucht, um „normal“ zu funktionieren. Man könnte auch sagen: Die Grundeichung des Gehirn wurde verstellt.

Diese Abhängigkeit entsteht nicht nach der ersten Zigarette. Kein Teenager nimmt einen Schaden, wenn er einmal auf einer Party ein paar Züge macht. Aber gänzlich ungefährlich ist es leider auch nicht: Erste Rauchversuche endeten früher meistens mit Übelkeit, Kratzen im Hals oder schlechtem Geschmack im Mund. Heute wird z.B. Menthol zugesetzt, das die Schleimhaut anästhesiert, damit man das Kratzen nicht so spürt. Zigaretten werden mit Zuckerlgeschmack, mit Himbeer und Vanille angereichert, sogar mit Likör, damit Jugendliche nach den ersten Versuch nicht abgeschreckt sind und sie leichter annehmen. Dazu kommen optische Marketingtricks wie schlanke Zigaretten „für Mädchen“, die eine gewisse Eleganz suggerieren. Auch kommen immer mehr Nikotinprodukte auf den Markt, die man durch die Haut resorbieren kann (Nikogel). Sie werden nicht geraucht, dienen aber als Einstiegsdrogen. Wie etwa das schwedische „Snooze“, oraler Tabak, der zwischen Lippe und Zahnfleisch geschoben wird. Natürlich hat das den Vorteil, das es sich nicht gleich auf die Lunge auswirkt, aber letztlich werden diese „rauchlosen Tabakpräparate“ auf dem freien Markt nicht als Rauchentwöhnungsmittel beworben, sondern unter dem Motto, dass man damit überall Nikotin konsumieren kann – auch dort, wo das Rauchen verboten ist. Das fördert die Nikotinsucht, erschwert Rauchern den Ausstieg und legt jungen Nichtrauchern eine Schiene, um in die Nikotinsucht einzusteigen. Das bestätigt auch Neuberger: „Insgesamt wird dadurch die Nikotinsucht in der Gesamtbevölkerung nur weiter verbreitet.“

Was das für die Gesundheit des Einzelnen bedeutet, sollte landläufig bekannt sein: Rauchen führt zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Es ist Risikofaktor für die Entstehung des Typ-2-Diabetes. Nikotin ist ein Gefäßgift. Es fördert sämtliche Herz-Kreislauferkrankungen und ist auch an der Krebsentstehung beteiligt, weil Nikotin auf die Teerstoffe, in denen die eigentlichen Karzinogene sind, als „Promotor“ wirkt, also als krebswachstumsfördernde Substanz.

Laut einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben weltweit jährlich zweieinhalb Millionen Menschen an den Folgen des Zigarettenkonsums. Die verbreitetsten Todesursachen: Lungen-, Mundhöhlen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Luftröhren- und Bronchialkrebs; Herzinfarkt; sowie Magen- und Darmgeschwüre mit nachfolgendem Krebs. Raucher dürfen außerdem noch mit Erkrankungen der Atemwege (Katarrhe, Bronchialverengung), Raucherbein (Arterienverstopfung im Unterschenkel; in vielen Fällen muss der Fuß amputiert werden) rechnen. Dazu kommen Entzündungen und Veränderungen des Zahnfleisches und der Mundschleimhaut.

Die Vorstellung, dass man ja „eh etwas für die Gesundheit tut“, weil man z.B. Sport betreibt, ist eine irrige. Wer raucht und sich körperlich bewegt, atmet die Gifte zwar in der Tat rascher wieder aus. Aber der Sport schützt nicht vor den Raucherschäden! Salopp formuliert: Bloß weil ein Raucher regelmäßig Joggen geht, sollte er nicht glauben, er wird keinen Herzinfarkt bekommen. Auch der Glaube, dass Rauchen „schlank macht“, erweist sich bei näherer Betrachtung als reiner Mythos (nachgewiesen durch eine Studie an 3000 Teenagern). Im Gegenteil: Rauchen ist ein Risikofaktor für den Beginn einer Fettsucht. Besonders die klassischen „Fettschürzen“ am Bauch entwickeln sich beim Raucher deutlich schneller als beim Nichtraucher und stellen ein weiteres Risiko für Herzinfarkte dar.

Muss darüber hinaus noch erwähnt werden, dass Raucher nicht nur der eigenen Gesundheit Schaden zufügen? Passivrauchen kann ebenso tödlich sein. Diese Gefahr wurde lange Zeit unterschätzt oder als Nörgelei von „lästigen“ Nichtrauchern abgetan. Tatsächlich sterben in Österreich jedes Jahr etwa tausend Menschen vorzeitig durch Passivrauchen. (Zum Vergleich: Etwa 10.000 Österreicher sterben durch aktives rauchen. Somit machen die Todesfälle durch Passivrauchen immerhin ein Zehntel aus!)

Der Passivraucher atmet den sogenannten Nebenstromrauch ein, der an der Spitze der Zigarette verglost, bei geringerer Temperatur als der Hauptstromrauch, den der Raucher durch seinen Filter inhaliert. In diesem Nebenstromrauch sind die Staubteilchen noch feiner, es sind noch mehr Pyrolyseprodukte enthalten – unverbrannte Kohlenwasserstoffe, die krebsfördernd und natürlich auch reizend sind. Dazu zählen unter anderem sehr potente Lungenkarzinogene. Trotz der Verdünnung, die dieser Nebenstromrauch erfährt, werden diese krebserregenden Stoffe immer noch in einer Konzentration eingeatmet, die kein unbeträchtliches Risiko mit sich bringt. Klar: Passivrauchen ist umso gefährlicher, je länger und je intensiver es erfolgt. Wer jahrelang passiv raucht, kann genauso wie ein Raucher an Schlaganfall, Herzinfarkt, Lungenkrebs etc. sterben… So genügt z.B. schon eine halbe Stunde Passivrauchen in einem verrauchten Lokal, damit im Blut Gerinnungsveränderungen und an der Innenauskleidung der Herzkranzgefäße Veränderungen auftreten können.

Eine Sonderposition unter den Passivrauchern nehmen Kinder ein. Sie sind ganz besonders gefährdet – und das bereits vor der Geburt. Nikotin und Kohlenmonoxyd werden vom Ungeborenen durch die Plazenta aufgenommen. Man spricht deshalb von „diaplazentarem Passivrauchen“. Sie verhindern, dass das Baby genügend Nährstoffe und Sauerstoff erhält. Die braucht es aber unbedingt für seine gesunde Entwicklung bis zur Geburt. Kinder von Raucherinnen sind oft untergewichtig, die Lungen können sich nicht vollständig entwickeln, das Risiko einer Früh- oder gar Fehlgeburt ist hoch. Auch nach der Geburt ist der Säugling durch Passivrauchen gefährdet: Stichwort „SIDS“ („plötzliche Kindstod“) im ersten halben Lebensjahr. Passivrauchende Kleinkinder haben häufiger Pneumonien (Lungenentzündungen), häufiger Asthma, häufiger Mittelohrentzündung. Die Schäden sind nachhaltig, wirken sich auch noch bei älteren Kindern aus: Bis zum Ende des Pflichtschulalters lässt sich bei Kindern aus Raucherhaushalten immer noch eine beeinträchtigte Lungenfunktion nachweisen. Umso stärker beeinträchtigt, je mehr Personen im Haushalt geraucht haben. Im Übrigen schadet Rauchen sogar den Haustieren! Bei Hunden und Katzen wurden mehr bösartige Neubildungen beobachtet.

Dennoch: Horrorstorys, erschreckende Bilder von Raucherlungen und Mahnungen auf Zigarettenplakaten – all das hält erwiesenermaßen die wenigsten Raucher davon ab, ihrer Sucht zu frönen. Schon Winston Churchill wusste: „Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer von der Gefahr des Rauchens für die Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf – zu lesen.“ Der Mythos rund um die Zigarette wirkt einfach stärker als jeder Abschreckungsversuch. Gekoppelt mit dem typischen Gedanken: „Mir wird schon nichts passieren!“ Wird diese Grundeinstellung noch – siehe eingangs – durch Film & Fernsehen verstärkt, kämpfen Ärzte und besorgte Angehörige meist auf verlorenem Posten.

Übrigens: Julia Roberts raucht in „Die Hochzeit meines besten Freundes“ keine „anonymen“ Zigaretten, sondern eine konkrete Marke. Die Firma hat den Film mitfinanziert…

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[für die „Gesunde Stadt“ 04/2006]

Fragt man junge Eltern nach ihrem sehnlichsten Wunsch, so fällt die Antwort meist eindeutig aus: „Mehr Schlaf!“

Kein Wunder also, dass Gespräche bald nur noch um das eine kreisen: Einschlafen, Durchschlafen, Schlafrhythmus und der geeignete Schlafplatz des Babys werden zur fixen Idee. Aber woran liegt es, dass Kind und Eltern hier oft, wie man meinen könnte, konträr gepolt sind? Warum macht ein Baby so manche Nacht zum Tag während seine Eltern vor Müdigkeit nicht mehr stehen können? Nun, ganz einfach: Babys schlafen anders.

Aber um das zu verstehen, fangen wir am besten ganz von vorne an…

Der Mensch ist eine physiologische Frühgeburt. Unser Gehirn ist noch nicht ausgereift, wenn wir auf die Welt kommen – es braucht danach gut zwei Jahre, um sich vollständig zu entwickeln. Wir sind die einzige Spezies, bei der das so ist, und man geht heute davon aus, dass darin auch das Geheimnis unserer sozialen Kompetenz liegt. Wir werden zu sozialen Wesen, weil sich unser Gehirn durch das soziale Umfeld formt. In den ersten beiden Lebensjahren bilden sich jene Nervenbahnen und Neuronen, die unser ganzes Leben prägen. Diese werden auf Grund bestimmter Reize entwickelt, die Kinder von ihrer Umwelt erfahren. Ein Neugeborenes, das den größten Teil des Tages schlafend verbringt, ist jedoch auf einen hohen Anteil an Autostimulation angewiesen, um die Gehirnentwicklung voranzutreiben. Diese Autostimulation holt es sich im Schlaf – genauer gesagt im REM-Schlaf, dem aktiven Teil unserer Schlafphasen. Vergleicht man den Anteil an REM-Schlaf eines (heranwachsenden) Babys mit dem eines Erwachsenen, wird der Unterschied klar: Je jünger, desto mehr REM-, desto weniger Tiefschlaf. In seinem Buch „Schlafen und Wachen“ fasst der amerikanische Kinderarzt Dr. Sears zusammen: „Beim Fötus im Frühstadium beträgt der REM-Schlaf nahezu 100 Prozent, beim ausgetragenen Fötus etwa 50 Prozent, bei Zweijährigen 25 Prozent, bei Jugedlichen und Erwachsenen 20 Prozent, bei älteren Personen 15 Prozent.“

Der Unterschied zwischen Baby-Schlaf und Erwachsenen-Schlaf geht aber darüber hinaus: Nicht nur die REM- und Tiefschlafphasen sind anders verteilt. Auch im Übergang zwischen den einzelnen Schlafphasen ist das Baby noch nicht so geübt. Es braucht dafür einfach etwas länger. Hält man sich nun vor Augen, dass der REM-Schlaf ein eher leichter Schlaf ist und die Übergangsphasen (auch beim Erwachsenen) die anfälligste Zeit fürs Aufwachen durch Störungen sind, muss man sich schon fast wundern, dass Babys überhaupt schlafen. Dazu kommt, dass ein Erwachsener seinen Schlaf mit einer Tiefschlafphase beginnt und erst später in den REM-Zustand eintritt. Ein Baby jedoch beginnt mit einer REM-Phase und wechselt oft erst nach 20 Minuten (!) in den Tiefschlaf. Das ist auch der Grund dafür, warum Babys, die im Kinderwagen oder in Papas Arm eingeschlafen sind, oft aufwachen, wenn man versucht, sie in ihr Bettchen zu legen. Was also wie ein ausgefuchstes System anmutet, mit dem einzigen Zweck, die Eltern in den Wahnsinn zu treiben, ist in Wahrheit ein ausgefuchstes System zur Entwicklung des menschlichen Gehirns. Überspitzt ausgedrückt: Babys, die nachts nur einen leichten Schlaf haben und oft aufwachen, tun mit großer Wahrscheinlichkeit gerade etwas dafür, um zu wachsen und zu reifen. Durchaus erstrebenswert – aber die Freude der betroffenen Eltern ist meist endenwollend. Wenn Babys älter werden, erwerben sie sogenannte „Schlafreife“, d.h. sie lernen leicht einzuschlafen und dann die Nacht durchzuschlafen. Wann das eintritt, ist jedoch von Kind zu Kind verschieden.

„Aber früher haben die Kinder auch durchgeschlafen! Wieso ist das plötzlich so ein Problem?“, hört man oft von der Großelterngeneration. In der Tat scheinen Schlafstörungen in den letzten Jahren zugenommen zu haben. Das liegt daran, dass Babys heute von Geburt an wesentlich mehr Reizen ausgesetzt sind, die sie im Schlaf erst einmal verarbeiten müssen. Eine weitere Ursache ist aber auch, dass das Bewusstsein für den Umgang mit Babyschlaf ein anderes geworden ist. So meint auch Dr. Kruppa von der Baby-Care-Ambulanz (siehe Seite X): „Man kann natürlich, wie früher oft, die Kinderzimmertüre zumachen, einfach nichts hören und die Kinder nur alle vier Stunden füttern – das überleben sie auch. Zu welchem Preis ist die Frage.“

In der Tat greifen übermüdete Eltern immer wieder zu dieser Strategie – als scheinbar letzter Ausweg aus der Schlafmisere. Einige Bücher zum Thema und „Schlaflern“-Methoden unterstützen das auch. Das berühmteste ist wohl „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth. Darin wird die sogenannte Ferber-Methode vorgestellt. Im Kern geht es darum, dass der Schlüssel zum Durchschlafen das Allein-Einschlafen ist. Wirklich durchschlafen tut niemand. Auch Erwachsene nicht. Aber ein Erwachsener, der in der Nacht aufwacht, dreht sich um und schläft weiter. Ein Baby hingegen schreit. Warum? Nun, wer nur mit Mamas Hand einschläft, braucht auch bei jedem nächtlichen Aufwachen wieder Mamas Hand zum Weiterschlafen. Wer aber lernt, mit dem Zottelbären in der einen und einem Gitterbettstab in der anderen Hand einzuschlafen, kann dieses Kunststück auch bei nächtlichen Unterbrechungen schaffen. Die Ferber-Methode konzentriert sich daher auf das Allein-Einschlafen-Lernen:

Nach dem Zubettbringen, verlassen die Eltern das Zimmer. Schreit das Kind, kommen sie nach 30 Sekunden wieder zurück, beruhigen es kurz und gehen danach wieder hinaus. Schreit es erneut, kommen sie erst nach 5 Minuten zurück. Danach nach 10, nach 15, nach 20 usw. Die Abstände erhöhen sich immer um 5 Minuten. Nach einigen Tagen gibt das Kind auf und schläft alleine ein. Die Methode ist anfänglich anstrengend, aber sie funktioniert nahezu ausnahmslos. Sie wird häufig angewandt, wovon nicht zuletzt die Auflagenzahlen des Bestsellers zeugen. Und „geferberte“ Kinder schlafen tatsächlich durch. Man wird allerdings leicht stutzig, wenn man das Buch in einer Wiener Bibliothek ausleihen will. Da findet sich nämlich auf der ersten Seite ein eingeklebter Zettel: „Dieses Buch wird von Wiener KinderärztInnen und PsychologInnen nicht empfohlen“. Und auch der amerikanische Kinderarzt Dr. Richard Ferber hat sich in einem Interview inzwischen von der nach ihm benannten Methode distanziert: „Ich wünschte, ich hätte nie diese Sätze geschrieben.“

Was also spricht gegen die Erfolgstaktik?

Kehren wir zum Anfang zurück: In den ersten beiden Lebensjahren werden die allerhöchsten neurologischen Funktionen ausgebildet. Oder auch nicht. Darin liegt der Knackpunkt. Denn die Neuronen entstehen nur auf Grund dessen, was gefördert wird. Wer ein Kind allein in seinem Zimmer schreien lässt, fördert das Muster „Wenn ich ein Problem habe, dann wird nicht darauf eingegangen. Ich brauche mein Problem nicht zu kommunizieren, weil ich bekomme keine Antwort.“ In Folge verkümmert die zuständige Nervenbahn. An ihrer Stelle werden niedrigere Nervenbahnen ausgebildet. Neurologisch gesehen, hinken solche Kinder also hinterher.

Es ist richtig: Jedes Kind KANN schlafen lernen. Und das wird es früher oder später auch tun. Eine gewaltsame Beschleunigung dieser Entwicklung, oft lange bevor das Kind bereit dafür ist, diesen Schritt zu tun, ist nicht empfehlenswert. Was also bleibt den erschöpften Eltern? Nur die Besinnung auf Altbewährtes: keine aufregenden Spiele mehr am Abend, ein gleichbleibendes Gute-Nacht-Ritual, eindeutige Signale, dass es sich jetzt nicht um ein kurzes Nickerchen, sondern um den Nachtschlaf handelt (also Schlafsack, Pyjama, Gute-Nacht-Lied) – und letztlich die Gewissheit, dass die Zeit der erholsamen Nächte irgendwann einmal wiederkommen wird…

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