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Direkter Draht

Das österreichische Web-StartUp Newsgrape hat ein hehres Ziel: Man will dem Web das Lesen lehren und gleichzeitig den Journalismus retten. [April-WIENER 2011]

Leo Fasbender und Felix Häusler sind Anfang zwanzig und dennoch ein bißchen wie ein altes Ehepaar. Einer beendet die Sätze des anderen, man sieht sich als “gestresste Eltern, die zusammen ein (manchmal schreckliches) Kind großziehen und gleichzeitig Seite an Seite im Schützengraben hocken.”

Das Kind heißt Newsgrape, ist eine neue Webplattform, und durfte nach gut einjähriger Brutzeit am 9.Februar aus seinem binären Ei schlüpfen. Man hat große Pläne; der, wie Felix sagt, “typisch österreichische Napoleon Komplex” lässt die beiden hoffen, so groß wie Facebook, so relevant wie YouTube zu werden und im Vorübergehen die Rettung des Journalismus zu erwirken. Beim WIENER Interview ist Leo gerade in London, während Felix in seiner Wiener WG am Roiboos Vanille Tee nippt. Wir holen sie via Skype und Videobeamer in einen Raum.

Was ist die Idee hinter Newsgrape?

Felix Häusler (FH):  Das Internet ist zum Fernsehen verkommen, man lässt sich auf Facebook von tausenden Statusmeldungen berieseln, aber das aktive Aufnehmen von Informationen gerät mehr und mehr in den Hintergrund. Das fanden wir schade und weit unter den Möglichkeiten, die eine derartige Infrastruktur eigentlich bietet. Man könnte hier viel mehr Wissen schaffen.

Die ZEIT schreibt, ihr habt ein “YouTube für Texte” gebastelt. Wie soll das bei dem Problem helfen?

FH: Wir möchten Leser und Schreiber ohne hierarchische Barrieren zusammenbringen. Für die Leser geht es darum, endlich wieder den Sinuston aus diesem weißen Rauschen im Netz zu lösen. Für die Schreiber soll mehr Reichweite geschaffen werden.

Leo Fasbender (LF): YouTube hat Videos, die es schon vorher tausendfach im Web gab gebündelt und für alle auffindbar gemacht. Das wollen wir für Texte anbieten. Es gibt 152 Millionen Blogs auf der Welt, davon haben die meisten nicht mehr als 50 bis 100 Leser am Tag. Das heißt, man führt als Blogger eigentlich Selbstgespräche und vieles, das interessant wäre, verpufft ungehört. Die Frage war also: Wie bringt man diese Blogger zusammen? Wie sorgt man dafür, dass sie auf einer Plattform sind und die Synergien nutzen können, die durch gemeinsame Distribution entstehen?

Aber besteht überhaupt Bedarf, vielleicht wollen die User im Netz lieber Channel-Surfen als lesen?

LF: Es wurde noch nie soviel geschrieben wie heutzutage.

Aber wird es auch gelesen?

FH: 77% aller Webuser stoßen gelegentlich auf Blogs. Ich denke, die lesen das dann auch. Aber tatsächlich kann man das Interesse bei Newsgrape deutlich erkennen: Wir bekommen täglich 1500 neue(!) Leser dazu [Unique Clients - Anm.] und die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 8,5 Minuten.

Das ist enorm lange…

LF: Menschen sehnen sich danach, sich Zeit zu nehmen für’s Lesen – aber viel Zeit geht verloren durch die Suche nach relevanten Texten im Netz. Wenn wir den Menschen die Sucharbeit abnehmen, glauben wir, dass sie wieder mehr Zeit zum Lesen haben.

FH: Und „YouTube für Texte“ bedeutet schlicht, dass Newsgrape die Zwischenstation eliminiert: Ich muss nicht mehr ein Blog ansteuern, um Artikel zu lesen, sondern komme ohne Umweg an Inhalte. Das gab es bislang für Videos (YouTube), für Musik (Sound Cloud) und für Fotos (Flickr). Aber für Texte noch nicht.

Und wie funktioniert das?

FH: Newsgrape basiert auf zwei Konzepten: “Social Curation” und “Collaborative Publishing”. Social Curation bedeutet, dass die Leser Texte bewerten – ähnlich wie man ja auch bei YouTube Videos bewerten kann. Aber darüber hinaus berücksichtigt unser Algorithmus die Qualität der Bewertung und gewichtet sie entsprechend: Hat der User den Text tatsächlich gelesen, bevor er ein Urteil abgegeben hat – oder hat er nach 15 Sekunden auf “Gefällt mir” geklickt? Das hat bis jetzt noch niemand gemacht. Texte mit guten Bewertungen wandern weiter nach oben, Qualität wird für die User sichtbarer.

LF: “Collaborative Publishing” bedeutet, dass du deine Texte über viele Kanäle verteilen, quasi in verschiedenen “Magazinen” veröffentlichen kannst. Du bist frei, aber du bist nicht allein – du bist Teil von vielen Inseln, auf denen sich die Leute mit deinen Texten auseinandersetzen. Das, was wir auf Newsgrape “Magazine” nennen, sind Ventile, aus denen die Texte an viele verschiedene Lesergruppen fließen.

Also eine Art Content-Syndication? Das wird nicht alle freuen…

FH: Nein, im Grunde bleibt der Text immer an der selben Stelle – es wird nur darauf verlinkt. Dadurch sammelt sich auch die Diskussion, egal über welchen Kanal der Leser kommt, an ein und derselben Stelle. Der Text wird verteilt, ohne zerpflückt zu werden.

LF: Als Blogger verlinkt man seinen Artikel in 100 Foren, um Leser zu bekommen.
Auf 3 Stunden Artikel schreiben, kommen 3 Stunden bewerben, damit das auch irgendwer liest. Diese Arbeit nimmt dir Newsgrape ab. Man kann sich statt dessen aufs Schreiben konzentrieren.

Und wie war das nochmal mit der Rettung des Journalismus?

LF: Ok, das war eine ziemlich große Ansage. Aber wir denken schon, dass wir etwas beitragen können, um Printmedien, die wir gerne einbinden möchten, wieder zu einem größeren Leserkreis zu verhelfen. Es haben auch schon einige Verlage Interesse signalisiert, einzusteigen, aber das ist uns zu früh. Wir wollen am Anfang auf jeden Fall unabhängig bleiben.

Erfolgserlebnisse?

FH: Das Interesse ist enorm. Ein großer Moment war letzte Woche, da hat der Papa gesagt: „Ich hab mir die Seite gerade angeschaut, Felix, und ich hab wirklich das Gefühl, dass daraus was Großes werden kann.“

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