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Special Interest

Mit 1. Oktober dreht der ORF  sein Portal „Futurezone“ ab. Weil Netzpolitik ja eh nur was für Nerds ist. [Erschienen im WIENER 349 / September 2010]

Die Zukunft ist ein unentdecktes Land. Das wussten bereits Hamlet und Captain Kirk. Jene Zukunft, die dem ORF Portal „Futurezone“ angediehen werden soll, ist zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Kolumne ganz besonders unentdeckt. Und ich behaupte einmal, auf Holz klopfend, das wird, nein, muss sich in den nächsten Wochen ändern. Sie, der Leser, haben somit möglicherweise bereits einen Informationsvorsprung vor mir, der Kolumnistin. Ich riskier’s trotzdem.

Gegenwärtig jedenfalls sind die drei Parzen noch am Spinnen. Die Parzen, das sind der ORF, der Verband Österreichischer Zeitungsverleger (VÖZ) und ein möglicher Käufer. Das Wort spinnen dürfen Sie nach Belieben interpretieren.

Back to the Futurezone. Die Futurezone ist/war eines der wichtigsten Medien Österreichs. Am 1. Oktober wird sie abgedreht – als Ergebnis eines Kuhhandels, der dem ORF mehr Werbeeinnahmen erlaubt und dafür die Desinformation der Konsumenten achselzuckend in Kauf nimmt. Natürlich gibt es auch andere Periodika, die sich mit den Kernthemen Web, Online Zukunft und Netzpolitik beschäftigen. Nur im Gegensatz zur Futurezone sind diese Berichte nicht an ein öffentlich-rechtliches Medium geknüpft, sondern privatwirtschaftlich finanziert. Warum man polit-technologische Berichterstattung nicht einzig und allein den anzeigenabhängigen Medien (und da nehme ich den WIENER durchaus nicht aus) überlassen will? Na raten Sie mal.

Viel ist schon gebloggt und geklagt worden. Auch dass die Futurezone selbst, beileibe nicht fehlerfrei, so manchen Topfen verzapft hat. Auch dass der VÖZ ein Recht darauf hat, seine wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Geschenkt. Auf diese Diskussion will ich mich gar nicht einlassen. Klicken Sie sich auf www.wienerpost.at die Linksammlung zum Thema durch und machen Sie sich Ihr eigenes Bild.

Was jedoch seit Anbeginn der Diskussion an mir nagt, ist das Argument, die Futurezone sei ein „Special Interest“ Kanal. Weil z.B. der polizeiliche Datenaustausch in der EU, wie er durch den Prümer Vertrag geregelt ist, unter „Special Interest“ fällt und kaum jemanden etwas angeht? Aha. Oder das SWIFT-Abkommen zur Übermittlung von Bankkundendaten an die USA? Vorratsdatenspeicherung, ACTA, E-Voting? Betrifft natürlich niemanden. Ist nur was für Nerds.

Willkommen in der Offline-Mentalität der Österreicher! Man trägt es gern auf den Lippen, das schicke Wort „Informationszeitalter“, aber im Grunde will man doch nicht zu sehr daran anstreifen.

„Das Digitale erleidet ironischerweise das selbe Schicksal wie die Kultur in Österreich“, schreibt der IT-Profi Georg Leyrer in seinem Blog, „Es wird nur dort gepflegt und ernst genommen, wo es bestehenden Strukturen – insbesondere dem Tourismus – nützt. Zimmerbuchung und Wetterdienst statt Innovation. Der Rest wird misstrauisch beäugt, höchstens toleriert oder auch schnell mal als Spinnerei abgetan.“ Internetdefensive statt Internetoffensive.

Und wo das offizielle Österreich gekonnt die zunehmende Digitalisierung und ihre Konsequenzen aus dem Gesichtsfeld drängt, braucht man sich über eine ähnliche Mentalität im Kleinen nicht wundern. Zwar tummeln sich über 2 Millionen Österreicher auf Facebook und (Schätzungen nach) demnächst 1 Million auf Netlog. Aber nachdenken, was man da eigentlich tut? Nö. Das wäre zu viel des Guten. Da schauen wir lieber Grey’s Anatomy.

Jedes Land hat die Medien, die es verdient. So viel zum Ende der Futurezone. War ja bloß Special Interest.

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